Redebeitrag 8.März 2019

Heute, am Frauen*streiktag, wollen wir erklären, warum wir es richtig finden, auf der Straße zu sein und die Arbeit niederzulegen – sei es Hausarbeit, Lohnarbeit oder Fürsorgearbeit. Wir wollen erklären, warum wir es wichtig finden, heute zu streiken und uns als Frauen zu organisieren!

Jeden Tag erleben wir, was es heißt, in dieser Welt als Frau zu leben:

  • Wir sind von alltäglichem Sexismus und Übergriffen betroffen. Das reicht von Hinterherpfeifen, ungefragter Beurteilung unserer Körper und Kleidung, über ungefragt angefasst werden bis hin zu sexuellem Missbrauch.
  • Wir müssen darum kämpfen, als Frauen wahrgenommen zu werden und unsere „Weiblichkeit“ herausstellen, um überhaupt einen Platz in dieser Gesellschaft zu haben.
  • Auf uns lastet der Großteil der unsichtbar gemachten Haus- und Fürsorgearbeiten. Wir kochen, putzen, pflegen, wickeln, managen das Alltägliche, müssen Verständnis, ein offenes Ohr und tröstende Worte haben.
  • Wir sind von häuslicher Gewalt bedroht.
  • Wir dürfen über unsere eigenen Körper nicht selbst entscheiden. Uns bedrohen diverse Abtreibungsparagraphen und eine rigide Moral, die uns mit Scham und Schuld klein halten will.
  • Wir sollen komplett widersprüchliche Anforderungen erfüllen: attraktiv sein, aber nicht zu aufdringlich, Lust haben, aber nicht zu lustvoll sein, Kinder großziehen, aber nicht glucken, Geld heranschaffen, aber nicht zu unabhängig sein, den Körper darbieten ohne über ihn zu verfügen.

Unter diesen Bedrohungen und Anforderungen machen wir ständig die Erfahrung, dass Frau-Sein und alles Weibliche negativ besetzt sind. Und das, obwohl diese Gesellschaft nicht ohne Frauen und die an sie delegierten Arbeiten funktioniert. Frauen erledigen den Großteil der Haus- und Sorgearbeiten, ohne die es für ihr Umfeld nicht möglich wäre, satt, ausgeruht und mit einem Butterbrot in der Tasche zur Schule oder an den Arbeitsplatz zu gehen, um dort als funktionierende Mitglieder dieser Gesellschaft zu bestehen. Diese Reproduktionsarbeiten werden massiv abgewertet. Sie sollen Frauen natürlicherweise leicht von der Hand gehen und mit einem Lächeln auf den Lippen erledigt werden. Aber wer sorgt für lohnarbeitende Frauen? Frauen stehen ständig unter Druck, die Notwendigkeit ihrer Arbeiten herauszustellen, um wahr- und ernstgenommen, entlohnt und gewertschätzt zu werden. Zusätzlich müssen Frauen beschränkenden Rollenvorstellungen entsprechen. Tun wir dies nicht, werden wir z.B. als „Emanzen“ beschimpft. Die Abwertung alles Weiblichen und die Ambivalenzen, die damit verbunden sind, machen vor der eigenen Psyche nicht Halt. Frau-Sein wird auch von uns selbst abgewertet und Fehlverhalten sanktioniert. Wir sind diejenigen, die ständig liefern müssen, um existieren zu dürfen. Heute legen wir die Arbeit nieder!

 

Während wir uns permanent um die Bedürfnisse anderer gedreht haben, haben wir kaum gelernt, eigene Interessen zu formulieren und für diese einzustehen. Wenn Frauen individuell einen positiven Bezug auf sich selbst pflegen, ist der hart erarbeitet und steht auf wackeligen Beinen. Uns als Frauen zu organisieren und uns politisch für unsere Bedürfnisse einzusetzen, ist ein erster Schritt, um uns langfristig ein gutes Gefühl mit uns selbst zu geben und uns ein gutes Leben zu verschaffen! Wir wollen das Frau-Sein wieder politisieren, uns positiv auf uns selbst und andere Frauen beziehen und unsere Realität in dieser Gesellschaft verändern. Wir wollen eigene Interessen und Utopien entwickeln und kollektiv für diese einstehen. Gegen die gesellschaftlichen Zumutungen und Abwertungen halten wir eine differenzreflektierte Frauensolidarität! Wir sind alle unterschiedlich und das lassen wir uns nicht nehmen. Was wir teilen, ist die Erfahrung, als Frauen in dieser Gesellschaft zu leben. Aus dieser Erfahrung heraus wollen wir uns gemeinsam in einen Kampf um gesellschaftliche und politische Selbstbestimmung begeben. In unserer kapitalistisch und patriarchal eingerichteten Welt kann es kein gutes Leben geben – auf die Abschaffung dieser Verhältnisse muss sich unsere Politik richten. Gleichzeitig müssen wir unser Handeln im Hier und Jetzt ansetzen, und das werden wir. Wir sind mit unseren feministischen Kämpfen nicht allein. In Irland wurde im letzten Jahr erfolgreich gegen das Abtreibungsverbot gekämpft, in Polen organisierten Frauen Massenproteste, um die Verschärfung des ohnehin schon rigiden Abtreibungsgesetzes zu verhindern, in Lateinamerika und besonders Argentinien gehen Hundertausende gegen geschlechtsspezifische Gewalt auf die Straße. Und in Spanien haben sich schon am 8. März vor einem Jahr Millionen Menschen zum Frauenstreik organisiert! Weltweit bewegt sich etwas.

 

Unsere konkreten Erfahrungen und Perspektiven können nur einen kleinen Ausschnitt dessen aufzeigen, was Frauen in dieser Welt erleben. Wir stehen solidarisch mit Frauen, die auf der Flucht sind, Frauen, die in ihrer ökonomischen Existenz bedroht sind, Frauen, die Opfer von Formen moderner Sklaverei werden. Wir stehen solidarisch mit allen Frauen, ob alt, jung, cis, trans, hetero, lesbisch, woman of color, weiß, usw. Wir werden die Zustände, in denen Frauen weltweit von Beschränkungen und Gewalt bedroht sind, nicht länger hinnehmen! Lasst uns Kapitalismus und Patriarchat einen revolutionären Feminismus entgegensetzen! Lasst uns eine weltweite feministische Bewegung aufbauen! Frauen, organisiert euch! Lasst uns gemeinsam und aneinander stark werden!

Wenn ihr Interesse an unserer Arbeit habt, sprecht uns an und kommt an unserem Stand vorbei. Wir laden alle Frauen ein, sich mit uns zu organisieren.